Blasensteinschwein

Über Coffee

Nachruf

Der Erste der Stegnitzzwerge

Man sagt „Wo alle Worte zu wenig wären, ist jedes zu viel.“. Auch wenn ich es nicht ansatzweise schaffe zu beschreiben, was ich fühle und über dich denke, so möchte ich es trotzdem versuchen.

Ich hoffe jedes Mal, dass die Abstände länger und der Schmerz weniger werden. Aber jeder Abschied ist anders und jede Zeit ist anders. Man kann das nicht miteinander vergleichen. Kein Leben ist wie das andere und kein Tod ist wie der andere. Ich hätte gerne mehr Zeit mit Dir gehabt.

Du warst vier wertvolle Jahre Teil unseres Lebens. Es war eine außerordentlich schöne Zeit. Jeder Moment war kostbar.

Als Erster der Stegnitzzwerge bist du zu uns gekommen. Es kommt mir so vor als wäre es erst gestern gewesen. Auf der Fahrt nach Hause merkten wir, dass du krank bist. Deine ersten Tage verbrachtest Du daher in Isolation. Das erste Mal in deinem Leben warst Du nicht nur von deiner Familie getrennt, Du warst auch in einer völlig neuen Umgebung und dazu auch allein. Gefressen hast Du so gut wie nichts. Ich hatte damals schon Angst dich zu verlieren. Wir machten es Dir warm und fütterten dich zu, bis du endlich zu Willi durftest. Ab diesem Tag begann eine zweijährige Ära an seiner Seite, die mir noch sehr gut in Erinnerung geblieben ist. Ich bin dankbar für diese Erinnerung und diese Zeit.

Wenn ich die Dinge beschreiben sollte, die dich ausgemacht haben, dann fällt mir vieles ein – viele Gefühle, einige leichter, einige schwerer zu beschreiben. Wenn ich an dich denke, dann fühle ich das alles. Ich fühle all diese vier Jahre als würden sie an meinem inneren Auge vorbeiziehen.

Du warst so quirlig, so lebendig. Als Du klein warst, war es schwer, dich in der Hand zu behalten. Du warst so wild, so voller Tatendrang. Vom ersten Tag an hattest Du deinen eigenen Kopf. Das muss dieser Rex-Charakterzug sein, von dem die Züchterin sprach. Es war schwer dich zu bändigen. Und Willi hat dich gewähren lassen in deinem jugendlichen Leichtsinn, und er hatte oft dadurch Ärger. Ich weiß noch, wie Du ihm das Fell rausgerupft hast und… es hat ihm nie etwas ausgemacht, zumindest hat er sich nicht dagegen gewehrt. Er wusste genau, wie er dich großziehen kann. Dieses Schauspiel zu beobachten war großartig. Du durftest immer das machen, woran Du Freude hattest. Das muss eine schöne Zeit gewesen sein. Und ich habe sie dir gegönnt.

Du warst voller Lebensmut, voller Energie. Schon als junges Schwein hast Du deinen Ziehvater immer wieder auf Trab gehalten. Je älter Du wurdest, umso gemütlicher und ruhiger wurdest Du. Nie hast Du jemandem etwas Böses gewollt. Bei Streit warst Du immer derjenige, der klein beigegeben hat, um den Frieden zu bewahren. Manchmal wirktest Du auf mich etwas hilflos und überfordert. Als wärst Du immer ein kleines Kind geblieben. Du kleiner Kindskopf.

Du hast immer so niedlich mit deiner Zuckerschnute geschaut. Man konnte Dir immer einfach eine Freude machen. Du warst so einfach zu begeistern.

Wir hatten immer einen guten Draht zu Dir. Du warst uns gegenüber nicht scheu – ganz im Gegenteil. Man konnte mit Dir reden und Du hast auf uns gehört, auch wenn Du uns häufig fragend angesehen hast. Du wusstest ganz genau, dass wir dich meinen.

Ich wollte Dir noch mehr Zeit verschaffen mit deinem Freund Chocolate, mit deiner Räuberhöhle und deinem Stoff- und Heuhaus. Das waren alles Dinge, die Du so geliebt hast. Wenn ich die Augen für einen Moment schließe, dann kann ich dich dort sehen. Dich, Chocolate, die Räuberhöhle und deinen fragenden Blick.

Du hast lange gekämpft, hast nicht aufgegeben. Selbst in deinen letzten Tagen hast Du so eine Kraft gehabt, um mich immer wieder von Dir wegzudrücken. Schon immer fand ich es erstaunlich wieviel Kraft so ein kleines Kerlchen aufbringen kann.

Ich wollte dich nicht aufgeben.

Ich hatte sehr gehofft, dass Du es schaffst.

Ich hätte einfach alles für dich getan.

Du hast viel erlebt, Schmerz und Leid, den Tod von dreien Artgenossen, vor Allem der Tod deines Ziehvaters Willi, die vielen – bestimmt auch unnötigen – Behandlungen, die Du über dich ergehen lassen musstest. Du hast neue Artgenossen kennengelernt, aber verstanden hast Du dich zuletzt nur mit deinem Chocolate. Ihr wart vom selben Schlag.

Du bist Chocolate ein guter Vater gewesen. Er konnte viel von Dir lernen.

Gerade versuchen wir ihn in die andere Gruppe zu integrieren. Das fällt ihm nicht so einfach, da er zwei Jahre lang nur mit dir zusammen gewesen ist. Er hat Dir immer nachgegeben, auch wenn Du viel schwächer als er warst. Ihr seid ein so schönes Team gewesen. Choc wich nie von deiner Seite. Ich finde es schön, dass er in den letzten Stunden deines Lebens bei Dir sein durfte und sich von Dir verabschieden konnte. Dein Tod hat ihm sicher geschmerzt.

Du bist in vielerlei Hinsicht einzigartig gewesen. Das musste ich jedes Mal erneut feststellen. Sei es deine Fellfarbe, die sehr selten ist und doch wunderschön, mit deinen Himbeeraugen und deinem süßen treudoofen und ahnungslosem Blick. Ich habe nie verstanden, warum die Leute offenbar diese Farben nicht mögen.

„Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus.
Flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.“

Joseph von Eichendorff

In den bittersten Stunden hast Du uns Zuversicht geschenkt.

Wir werden all die Erinnerungen an dich bewahren. Niemand wird vergessen. Jeder hat einen festen Platz in unserem Herzen.

Alle die, die wir gehen lassen mussten hinterließen zwar eine Lücke, aber sie hinterließen auch sehr schöne Erinnerungen an eine sehr wertvolle gemeinsame Zeit. Die Wenigsten verstehen, was ihr uns alle bedeutet. Niemand von euch ist zu ersetzen, jeder einzigartig.

Du bist und bleibst eines unserer Familienmitglieder, wie ein bunter Mosaikstein, der die Leinwand unseres Lebens vervollständigt.

Es tut mir so leid, Coffee. Ich hoffe es gibt eine nächste Welt für dich, in der du nun nicht mehr kämpfen musst, in der durch keinen Schmerz und keine Angst mehr fürchten musst und deine Ruhe und deinen Frieden gefunden hast. Verzeih mir, dass wir nicht mehr für dich tun konnten. Ich hoffe, dass Du jetzt wieder freudig von Willi empfangen wirst.

Es war schon Nacht im kleinen Haus,
Setz mich dazu und schau hinein.
Da schaut ein kleines Köpfchen raus,
Das Fell so sanft, das Herz so rein.

Das Herzchen leis, der Atem flach.
Er quiekt so leise vor sich her.
Hab keine Angst, ich halte Wacht,
Zu später Stund‘, die Augen schwer.

An Heiligabend gingst du fort,
Gingst nicht weit weg und doch so fern.
Gingst zu einem ruhigen Ort,
Am Himmel als ein kleiner Stern.

Den kleinen Körper liest du hier,
Der Schmerz in unsre Herzen sticht,
Du kleines liebes goldig Tier,
Wir traueren, wir lieben dich.

Stefan Burger, 2021

Als Erster der Stegnitzzwerge bist du gekommen und als Erster bist Du gegangen. Vor deiner letzten Ruhe lassen wir die Glocke nun fünf Mal erklingen. Jeden Schlag im Gedenken an einen unserer unvergessenen kleinen Freunde.