Blasensteinschwein

Über Willi

Nachruf

Am 3. Juni 2014 hat die Welt ein kleines Schweinchen hervorgebracht. Wenige Wochen später bist du bei uns eingezogen mit deinem Freund Teddy. Jener Tag war der Beginn einer über 5 Jahre andauernden Ära, geprägt von unermesslicher Freude, aber auch von Schmerz. Diese Ära endete am 7. November 2019, an dem Tag als Du uns verlassen musstest. Wenige Tage vorher habe ich bereits schmerzlich geahnt, dass unsere gemeinsame Zeit bald enden wird. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte um dich kämpfen und alles dafür tun, dass wir noch mehr Zeit miteinander verbringen können und dass du die Zeit weiter genießen kannst. Schließlich wolltest du nicht mehr essen und bist eingeschlafen. Dein Körper wirkte friedlich als wir dich von der Tierklinik abholten und zu Hause zu deinen Freunden legten. Er wirkte frei, frei von Schmerzen und Leid, frei von Sorgen, frei davon weiter kämpfen zu müssen. Ich habe ihn angesehen und darüber nachgedacht, wie sich ein solcher Moment anfühlt und wie schwierig es wohl ist loszulassen, loszulassen von allem was man kennt und in etwas so Unbekanntes vorzutreten wie die Schwelle des Todes.

Ich muss nicht lange überlegen, was genau dich ausgemacht – Treue, Sanftheit, Geduld. Du warst Vorbild und Lehrmeister von mindestens zwei deiner Schützlinge. Doch auch darüber hinaus wolltest du immer wissen, was alle anderen Schweinchen tun. Streit jeglicher Art war etwas, dass du nicht akzeptieren konntest. Du warst sehr gesellig, aufmerksam und wusstest ganz genau wie man mit jüngeren Artgenossen umgeht. Niemals hattest du Scheu vor uns, auch wenn du vorsichtig und skeptisch allem Neuen gegenübergetreten bist. Aber genau das macht einen Gruppenführer eben aus. Immer wieder habt ihr alle mich zum Staunen gebracht.

Du hast immer viel erzählt. Jeden Tag vernahm man dein Gebrabbel. Kein anderes Schwein erzählte so viel wie du. Wir haben uns immer überlegt, was du so erzählen könntest. Es gehörte zu unserem Alltag, wie auch das Quieken von Teddy zu unserem Alltag gehörte. Es ist komisch ohne dich und dein Gebrabbel.

Wir haben eine besondere Beziehung aufgebaut. Über all die Jahre lernten wir uns gegenseitig besser kennen. Wir lernten was dir gefiel, was dir wichtig war, was dir gut tat und was dir nicht gut tat. Gabi und du, ihr hattet in den letzten Monaten eine ganz besondere Beziehung zueinander. Für einen Bissen von einer Erbsflocke bist du in den letzten Wochen sogar immer wieder auf ihren Schoß geklettert und hast dich von ihr streicheln lassen, während sie euer Gehege gefegt hatte. Für Erbsflocken hättest du einfach alles getan, du warst ganz schön verrückt danach. Aus diesem Grund bekommst du von uns heute auch ein letztes Mal ein paar davon vor deine Füßchen gelegt.

Du hattest immer sehr große Angst vor den Tierärzten. Ich habe noch nie gesehen, wie sehr ein Meerschweinchen zittern kann. Das kann dir sicher niemand verübeln und es tat mir sehr leid, dass wir dir das antun mussten. Ich kann es gut verstehen, denn die Besuche waren mit unvorstellbaren Schmerzen verbunden und ich hatte das Gefühl, dass sie dir letztlich auch nicht wirklich helfen konnten. An deinem letzten Tag merkte ich, dass du weniger Angst hattest. Wahrscheinlich wusstest du, dass dies dein letzter Arztbesuch sein würde. 

Die letzten beiden Jahre haben mich viel gelehrt. Sie haben mich gelehrt, schwierige und gefährliche Situationen zu erkennen und sie haben mich vor so unfassbar schwierige Entscheidungen gestellt, dass diese mich innerlich fast zerrissen haben. Die letzten Jahre haben mich aber auch gelehrt, dass es manchmal notwendig ist zu vertrauen und loszulassen. Es war ein langer, freudiger, aber zuletzt auch beschwerlicher Weg für uns alle. Ich möchte keinen Moment davon missen, keinen vergessen. Ich möchte jeden Moment in Erinnerung behalten und ihn fest in meinem Herzen verschließen.

Wir haben um dich gekämpft. Es schmerzt, dass wir diesen Kampf nicht gewonnen haben. Es macht mich tieftraurig, wenn ich daran denke, dass es vieles gibt was du jetzt nicht mehr erleben kannst. Ich glaube, dass egal wo du jetzt bist, du trotzdem über die Jungen wachst. Auch sie haben einen wichtigen Teil verloren, jemand der sie führt, jemand der auf milde Art und Weise zeigt, was zu tun ist.

Wir wissen nicht viel über die Umstände deines Todes. Am Ende eines Lebens fragt man sich “Warum? Warum musste er gehen? Warum konnte er nicht noch länger leben? Worin besteht der Sinn im Ende?”. Nun, ich glaube der Sinn im Ende besteht am Anfang, an dem Dazwischen. Er besteht im Leben. Wie wahrscheinlich ist es, dass genau wir uns in diesem Leben begegnen?

Ich weiß nicht, ob eure Zeit gekommen ist, aber ich wünsche es mir für euch.

Du hast deinen beiden Schützlingen Brownie und Coffee viel gelehrt. Und nicht zuletzt auch uns. Damit hast du das Leben von mindestens Vieren zu einem besseren gemacht. Wie viele unsere Stunden allein durch dich wertvoll wurden – ein unermessliches und unbezahlbares Gut. Es war eine wirklich wundervolle Zeit. Mit deinem Tod endet ein wichtiger Abschnitt eurer wie auch unserer Geschichte, wie ein Kapitel eines richtig guten Buchs.

Ein einziger Moment trennt die Welt der Lebenden von denen, die gelebt hatten.

Stefan Burger

All deine selbstlosen Taten, deine Güte und alles was dazu führte das Leben von uns allen zu einem Besseren zu machen, trägt dich weit empor, immer weiter, hinauf zum Licht.

Danke, dass wir die Möglichkeit hatten, dich kennenlernen zu dürfen. Es war unsere Zeit, sie war für uns bestimmt und ich bin mir sicher, dass wir sie so gut wie möglich genutzt haben.

Bevor du nun zur letzten Ruhe gebettet wirst und mit Brownie, Freddy und Teddy ein letztes Mal wiedervereint wirst, lassen wir vier Glockenschläge erklingen und uns einen kurzen Moment unserer vier kleinen Freunde gedenken, die uns in den letzten Monaten verlassen mussten – vereint im Leben, vereint im Tod.